Predigt zum Dorffest am 15.07.2006
zur feierlichen Eröffnung des Dorfplatzes zu Hohenstadt
Liebe Gemeinde,
der Franke wäre kein Franke, wenn er nicht etwas zum Brozln hätte! Und so haben wohl auch schon viele über den Dorfplatz gemeckert und gebrozlt. Da stellt sich natürlich zuerst die grundlegende Frage: Hamer denn so an Dorfplatz bracht? Was der kost hat! Mit dem Geld hät mer doch a was anders machn kenna!
Also die grundlegende Frage ist: braucht man überhaupt einen Dorfplatz, oder wurde das Geld zum Fenster hinaus geworfen?
Und neben der grundlegenden Frage, gibt es dann natürlich noch viele Detailfragen über die man brozln kann: Ich hätte es z.B. schön gefunden, wenn noch Platz für einen Baum gewesen wäre … aber dann hätten die Busse ja Probleme beim Wenden bekommen. Und der Dreeeg, den so a Baum macht!
Dann war da noch die Frage nach dem Gehsteig…
Und wenn dann nur noch unwichtige Sachen bleiben, dann kann man sich ja immer noch über die Größe und die Farbe der Pflastersteine streiten und brozln. Sie sehen, zum meckern findet man immer etwas, besonders, wenn man danach sucht!
Aber bleiben wir lieber bei der grundlegenden Frage: Hat Hohenstadt so einen Platz gebraucht? Welche Funktion hat so ein Platz überhaupt?
Als ich darüber nachdachte, musste ich zuerst an die zwei Plätze in meiner Heimat, in Pegnitz, denken. Ganz vage kann ich mich noch an den Schweinemarkt erinnern, als dort noch die Ferkel verkauft wurden. Heute erinnert nur noch ein Denkmal daran und ansonsten ist der Schweinemarkt zum Parkplatz verkommen. Und dann gibt es natürlich noch den Marktplatz und ein paar Mal im Jahr wird dort ja noch ein Markt abgehalten. Als Kind fand ich das natürlich toll, da durchzulaufen, das ganze Angebot anzusehen und mir zu überlegen, was ich mir mit meinem Geld alles leisten könnte … meist war es wenig - aber wenigstens waren es Sachen, die sonst in den Geschäften nicht erhältlich waren.
Aber Pegnitz ist eine Stadt mit Marktplätzen. Hohenstadt ist dagegen ein Dorf und hat daher von alters her kein Recht Märkte abzuhalten. Was also soll dann ein Dorfplatz bringen?
Welche weiteren Funktionen hat so ein Platz überhaupt, wenn er nicht für Märkte gebraucht wird? Vor zwei Wochen haben wir es ja erlebt… [Antwort kam: „Kerwa“!]
Natürlich! Für die Kirchweih wird er gebraucht. Und die wurde ja auch wunderbar gefeiert auf diesem Platz. Und schon immer waren Plätze auch dafür da, dass dort gespielt und getanzt wird. Ja aber auch zu anderen Zeiten geklagt und geweint.
So hat auch Jesus schon gesagt: Sie sind wie die Kinder, die auf dem Markt sitzen und rufen einander zu: Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint. (Lk 7,32)
Ich meine, damit wird eine ganz wichtige Funktion so eines Platzes beschrieben: Menschen kommen einander näher. Sie haben Platz gemeinsam zu leben, ja auch gemeinsam Gefühle auszuleben. Und so trifft man sich auf so einem Platz zur Kirchweih. Man freut sich zusammen und ist fröhlich. Man hört Musik und tanzt dazu. Wird davon durstig und hungrig und kann hier sogar essen und trinken – natürlich nur bei Kirchweih und Dorffest.
Aber ich kann mir auch vorstellen, dass man vor einer Beerdigung sein Auto hier abstellt und dann gemeinsam hinauf geht zur Kirche und zum Friedhof. Bei so einem Anlass wird dann wahrscheinlich gemeinsam geklagt und geweint.
Deshalb meine ich auch, dass so ein Platz enorm wichtig ist. In meinem Wohnzimmer kann ich eben keine Kirchweih feiern. Und meine Küche ist zu eng für eine ganze Trauergesellschaft.
Gerade in unserer Zeit, wo so viele Menschen so viel von ihrer Zeit alleine in ihren Wohnungen verbringen, ist es wichtig, dass es auch Plätze gibt, an denen man sich zwanglos treffen kann.
Gerade in unserer Zeit sind solche Plätze wichtig und die Plätze sollten wieder mit Leben erfüllt werden. Und das kann ja weit mehr sein als Kirchweih, Dorffest oder Trauerfall.
Deshalb habe ich die lange Geschichte aus der Apostelgeschichte gelesen, als Paulus in Athen war. In dieser Geschichte werden noch weitere Funktionen von Plätzen deutlich. Wir haben gehört: „Und er [Paulus] redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden.“ Offensichtlich gab es ein lebhaftes Debatieren und Philosophieren auf dem Markt in Athen und die Athener wollten noch mehr von Paulus erfahren, daher führten sie ihn noch auf einen anderen Platz den Areopag. Ursprünglich war das ein Platz an dem Gericht gehalten wurde. Dafür brauchen wir die Plätze heute nicht mehr. Dafür haben wir eigene Gebäude. Aber scheinbar wurde der Areopag in Athen auch genutzt um religiöse Fragen zu klären. Und so erzählt uns dann Lukas in seiner Apostelgeschichte von der berühmten Rede des Paulus. Nach Lukas lobt Paulus erst einmal die Religiosität der Athener. Dann verkündet er den bis dahin für die Athener unbekannten Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Um anschließend gleich anzuführen, dass dies ja von den Philosophen und Dichtern der Athener schon erahnt worden war, auch wenn die meisten noch an viele Götter glaubten.
Schließlich berichtet Paulus noch von Gottes Sohn, den Gott nicht im Tod gelassen hat, der auferstanden ist. Daran scheiden sich dann die Geister der Athener: die einen begannen zu spotten, während andere mehr hören wollten und offensichtlich später gläubig wurden.
Ich meine, diese Geschichte zeigt einen ganz wesentlichen Aspekt eines Platzes – sei es in Athen oder sei es in Hohenstadt: Mit anderen Menschen über die wichtigen Dinge des Lebens ins Gespräch kommen. Sicher, Paulus hat auch in der Synagoge gelehrt, aber dort konnte er eben nur Juden und „Gottesfürchtige“ erreichen. Gottesfürchtige, das sind Menschen die dem jüdischen Glauben schon sehr nahe standen. Menschen, die den vielen Göttern abgesagt hatten und nun an den einen Gott Israels glaubten.
Juden und Gottesfürchtige, das mögen in Athen damals ein paar Dutzend Menschen gewesen sein. In Athen aber lebten auch damals schon tausende von Menschen, die nie auf die Idee gekommen wären in die Synagoge zu den Juden zu gehen. Die konnte Paulus nur auf dem Platz erreichen.
Glücklicherweise ist es bei uns noch ganz anders als damals in Athen. Die meisten Bewohner von Hohenstadt trauen sich noch – die einen öfter, die anderen seltener - in die Kirche. Aber auch bei uns gibt es inzwischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die nie auf die Idee kämen, in die Kirche zu kommen. Wenn wir mit ihnen über die wirklich wichtigen Dinge ins Gespräch kommen wollen, dann müssen wir sie hier auf dem Dorfplatz ansprechen.
Ich meine, wenn das immer mal wieder passiert, dass Menschen sich hier auch über wichtige Dinge im Leben unterhalten und so in der Erkenntnis Gottes wachsen, dann hat sich der Dorfplatz gelohnt.
Ja, auch wenn einfach die Gemeinschaft in unserem Dorf wieder wächst, wenn man sich hier treffen kann, bei der Kirchweih, beim Dorffest, oder einfach nur am Feierabend, dann hat sich der Dorfplatz gelohnt, denn ich meine, das eine ist ohne das andere nicht zu haben: ohne Gemeinschaft gibt es auch kein Wachsen in der Erkenntnis Gottes. Es müssen ja nicht immer gleich so tiefe Gespräche und Diskussionen sein, wie sie Paulus mit dem Athener geführt hat. Vielleicht reicht ja zum Anfang schon, wenn man darüber spricht, wie viel Leben auf so einem Platz Platz hat? Ob nicht vielleicht doch noch Platz wäre für einem Baum, der dann noch Platz lässt für die Busse. Aber vielleicht sollte ich Buße tun und das brozln und meckern lassen, auch wenn ich Franke bin.
Amen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen